Ein Gespräch mit dem Regisseur Marc Bauder

Was fasziniert Sie so sehr am Finanzgeschehen, dass Sie sich mit diesem Thema immer wieder filmisch auseinandersetzen?

Wenn ich unsere Gesellschaft und ihre Strömungen besser verstehen will, muss ich mich zwangsläufig auch mit dem Finanz- und Wirtschaftssystem beschäftigen, auf dem sie aufbaut. Vor zehn Jahren habe ich bspw. mit „grow or go“ einen Dokumentarfilm über vier Absolventen einer privaten Wirtschafts-Eliteuniversität gedreht, die Unternehmensberater werden wollten. Damals war man noch erstaunt über diese auf Perfektionierung getrimmte Art der Mitarbeiterführung. Inzwischen sind das Standards in allen Unternehmen. Selbst die Politik hat mittlerweile mit einer Verkürzung der Schulzeit auf die Bedürfnisse der Wirtschaft reagiert.
Zum anderen gibt es auch einen sehr persönlichen Grund für diesen Film: Ich bin während der Lehman-Krise Vater geworden. Seitdem werden in immer kürzeren Abständen immer größere Rettungspakete geschnürt - statt über Millionen redet man jetzt über Milliarden.
Mir wurde klar, dass es vor allem die Generation meines Sohnes sein wird, die die vollen Konsequenzen der heutigen Krise zu spüren bekommen wird. Die wahren Kosten werden ja erst in zehn oder 20 Jahren bezifferbar sein, bspw. was die „Bad Banks“ betrifft. Zum anderen wird ja trotz der sich ständig wiederholenden Krisen niemals das generelle System infrage gestellt, sondern oft werden nur Gründe für eine noch rigidere Sparpolitik daraus abgeleitet. Das wird aber nicht die eigentlichen Verursacher treffen, sondern vor allem die nächste Generation, der wir das sozusagen als Erbe mitgeben. Als Vater hat all das für mich plötzlich eine viel größere Bedeutung bekommen.

Was reizt Sie am Genre Dokumentarfilm? Zuletzt haben Sie mit „Das System“ ja einen Spielfilm gedreht.

Für mich war immer klar, dass ich eine Geschichte über die Finanzwelt nur von innen heraus und durch ihre realen Akteure erzählen kann. Es gab bereits wichtige Spielfilme wie „Margin Call“, aber trotz der Bemühung um Authentizität bleibt am Ende immer das Gefühl, dass diese fremdartige Welt doch irgendwie überhöht dargestellt wurde. Natürlich liegt das auch daran, dass bisher keiner der Akteure wirklich bereit war, offen darüber zu sprechen. Deshalb bin sehr glücklich, mit Rainer Voss jemanden gefunden zu haben, der als erster hochrangiger Investmentbanker überhaupt bereit war, sich auf diese Reise einzulassen. Und wenn man solch einen Protagonisten hat, ist das Dokumentarische die beste Form für diese Geschichte.

 

Wie haben Sie Ihren Protagonisten Rainer Voss gefunden und wie war die Arbeit mit ihm?

Ich habe zunächst Annoncen in einschlägigen Zeitungen geschaltet, aber relativ schnell gemerkt, dass man ohne Kontakte keinen Zugang in diese hermetisch abgeschottete Parallelwelt bekommt. Bei Recherchen für mein Spielfilmprojekt „RAZZIA“ (AT) bin ich dann auf einen Abgeordneten im Bundestag gestoßen, der nebenbei erwähnte, dass er sich bei speziellen Kapitalmarktfragen Rat von einem hochrangigen Investmentbanker einholt. Und dann ging alles sehr schnell, fast so, als ob wir beide schon lange aufeinander gewartet hätten.
Ich bin sofort mit einem Tonbandgerät nach Frankfurt geflogen und es ging los. Bei diesem Treffen hat Rainer Voss mir zum Beispiel die Geschichte vom „two-nighter“, also dem Arbeiten über zwei Tage und ohne Schlaf, erzählt – die nun die Eröffnungsszene des Films wurde. Für mich war relativ schnell klar, dass dieser Mann, der komplexe Zusammenhänge so bildhaft und einfach erklärt, einen Film alleine tragen kann. Ich bin sehr froh, dass Esther Schapira und der Hessische Rundfunk das Projekt dann auch sofort unterstützt haben.
Die Eckpunkte für die Zusammenarbeit mit Rainer Voss waren relativ unkompliziert: keine Namen von Mitarbeitern oder Banken, für die er gearbeitet hat. Während der Interviews hatte er das Recht, Fragen nicht zu beantworten, was man ja im Film auch einmal sehr deutlich sieht. Ansonsten hatte ich freie Hand. Manchmal haben wir allgemeine Oberthemen vorab besprochen, aber vieles ist dann auch mitten im Dreh entstanden. Zum Beispiel als wir den verlassenen Handelsraum entdeckt haben und er sofort begann, davon zu erzählen, wie das so war, sich als MASTER OF THE UNIVERSE zu fühlen.

Sie selbst haben ja Betriebswirtschaft in Köln, St. Gallen und New York studiert. Hat Ihnen das bei der Arbeit an diesem Film geholfen?

Mein BWL-Studium hat mir sicher dabei geholfen, die Systematik einer Branche kritischer zu hinterfragen und sich nicht mit den ersten Antworten zufrieden zu geben. Für Außenstehende wirkt diese mit Anglizismen durchzogene Sprache ja befremdlich, und viele fühlen sich dann schnell inkompetent. Bei genauerer Betrachtung bemerkt man aber, dass das Fundament eigentlich fehlt. Es ist ein bisschen so, als wenn sich der Nebel lichtet und sich eine omnipotente Theorie plötzlich als ein sehr fragiles System offenbart. Den Zuschauer an dieser Reise ins Zentrum der Finanzwelt teilnehmen zu lassen, das war mein Ziel.
Auf der anderen Seite hat mein BWL-Studium mir natürlich auch eine Art Glaubwürdigkeit gegenüber den Akteuren der Branche verliehen. Es ist ja so, dass sich diese Branche gegenüber den Medien sehr zurückgezogen hat und sich von der Außenwelt unverstanden fühlt. Da hat es schon geholfen, eine gewisse fachliche Kompetenz zu suggerieren, was bei einigen Akteuren dann auch zu einer ersten Öffnung geführt hat. Ich war zum Teil sogar überrascht, wie einige in einem ehrlichen Moment eingestanden haben, dass die Branche viel mehr um Aufklärung und Öffentlichkeit bemüht sein sollte. Wollte man das dann aber drehen, zogen sie sich alle hinter das Argument zurück, ihre Organisation sei noch nicht weit genug für eine Öffnung. So etwas aus dem Mund eines Leiters der Unternehmenskommunikation einer großen deutschen Bank zu hören, birgt schon sehr viel Ironie. Wenn er das nicht schafft, wer dann?

Wie liefen die Dreharbeiten in der Finanzbranche ab?

Mit einem Wort: ANGST. Diese Branche hat Angst, sich aus der Deckung heraus zu bewegen. Jeder Schritt könnte von der Außenwelt falsch interpretiert werden, und bevor man das riskiert, sagt man lieber gar nichts. Selbst als wir an einem Sonntag leere Bankgebäude im öffentlichen Raum gedreht haben, wurden wir sofort vom Sicherheitsdienst daran gehindert. Eine wirklich absurde Situation, denn gleichzeitig werben die Banken in ihren Hochglanzbroschüren ja immer mit der herausragenden
Architektur ihrer Gebäude.
Es hat mich dann auch nicht allzu sehr überrascht, dass fast alle Anfragen bei den Pressestellen zunächst mit einer standardisierten Antwort abgewiesen wurden. Erst durch die Vermittlung eines ehemaligen Bankenvorstands hatte ich nach einem halben Jahr die Möglichkeit, mein Vorhaben persönlich vorzustellen. Ich habe es bewusst sehr offen gehalten, wollte die Banken in den Drehprozess einbinden und habe daher auch um Vorschläge gebeten, was wir denn ihrer Meinung nach drehen sollten, damit die Finanzwelt auch einmal „richtig“ dargestellt wird. Man zeigte sich zunächst aufgeschlossen, aber wie oben beschrieben zogen sich alle nach und nach zurück, sobald es konkreter wurde. Und auf die Drehvorschläge vonseiten der Banken warte ich bis heute.
Der Höhepunkt nach über einem Jahr und zahlreichen Gesprächen war dann das Angebot, an einem Sonntag in einem verlassenen Handelsraum ohne Menschen zu drehen. Und selbst das war für die entsprechende Person noch riskant. Man hat bei der Vorbesichtigung gespürt, dass er unter enormen Druck stand, und wenn bei den Dreharbeiten etwas falsch dargestellt worden wäre, hätte er innerhalb seines Konzerns sehr viel Ärger bekommen. Man muss sich das mal vorstellen: Vor ein paar Jahren haben sich viele Handelshäuser aus Werbezwecken noch darum gerissen, dass bei ihnen gedreht wird, und plötzlich soll das alles hochbrisantes Material sein? Ich habe das Angebot dann abgelehnt und stattdessen angefangen, mit Archivmaterial zu experimentieren, und von dem Moment an fühlten wir uns in unserer Arbeit wirklich frei. Nach all dem „Nebel“ konnten wir uns endlich mit dem Kern beschäftigen.

Für einen Dokumentarfilm hat MASTERS OF THE UNIVERSE eine sehr spezielle Ästhetik, einen besonderen Look – wie kam es dazu?

Bei den Recherchen hatte man sehr schnell den Eindruck, dass die Finanzwelt eine Branche ist, die zwar Transparenz nach außen behauptet, sich gleichzeitig aber viel mehr als andere gegenüber der Umwelt abschottet.
Und das spiegelt sich auch in der Architektur wieder: Die Gebäude im Finanzzentrum werden immer höher, rücken wie bei einer Wagenburg immer näher zusammen und locken mit verglasten Eingangsbereichen voller Kunst. Hat man aber Fragen, so kommt man nicht über die Empfangsdama hinaus und wird mit vorgefertigten Antworten abgespeist. So kommt es, dass eigentlich niemand weiß, wie es in diesen Gebäuden wirklich aussieht. Interessant ist dabei auch, dass der Leerstand im Finanzzentrum inzwischen rund 30% beträgt. Man kann das von außen aber gar nicht sehen, da alles so schön verglast ist und gleichzeitig ständig neue Gebäude gebaut werden, die vordergründig ja auch wieder einen gewissen Raumbedarf der Branche suggerieren.
Mein Kameramann Börres Weiffenbach und ich haben uns daher auf die Suche nach leeren Büros gemacht, und als wir diese komplett leerstehende Bank gefunden haben – übrigens nur drei Häuser neben der Deutschen Bank –, war uns sofort klar, dass wir den Film hier drehen mussten.
Dieses Gebäude ist wie eine Zwischenwelt, in der man nie so genau weiß, ob die Leute gestern erst ausgezogen sind oder morgen wieder einziehen werden. Wir haben ja sehr lange dort gedreht, und wenn wir so durch die leeren Flure gingen und an manchen Stellen noch Namensschilder, Aufkleber oder Urlaubskarten gefunden haben, war das schon ein gruseliges Gefühlt. Jeder Raum funktionierte als ein eigener Echoraum, den wir wiederbelebten oder zum Hinterfragen von vorgefertigten, stereotypen Bildern nutzen konnten. Stück für Stück entstand so ein Psychogramm einer Branche und ihrer Akteure, ohne dass wir das Gebäude wirklich verlassen mussten.


Marc Bauder / Regisseur und Produzent
Marc Bauder wurde 1974 in Stuttgart geboren, studierte zunächst BWL in Köln, St. Gallen und New York. Während des Studiums entstanden bereits erste Arbeiten als Regisseur und 1999 erfolgte die Gründung der Produktionsfirma bauderfilm. 2001 nahm er ein Produktions-Studium an der HFF Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg auf, dass er jedoch nach drei Semestern abbrach, um sich vollständig auf die Regiearbeit zu konzentrieren. Zwischenzeitlich machte er immer wieder Ausflüge an das Theater.

2004 bildete sein Dokumentarfilm „grow or go“ die Vorlage für das Theaterstück „Unter Eis“, das an der Schaubühne Berlin uraufgeführt wurde. Ende 2009 folgte eine eigene Theateradaption von „grow or go“, die 2010 erstmals am Nationaltheater in Brüssel zu sehen war. Im Jahr 2011 folgte sein preisgekröntes Spielfilm-Debüt „ DAS SYSTEM“.

Sein Kino-Dokumentarfilm „MASTER OF THE UNIVERSE“ feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der Semaine de la Critique in Locarno und wurde mit dem Hauptpreis der Jury ausgezeichnet. In Vorbereitung ist u.a. das Spielfilmprojekt „RAZZIA“ (AT).